Donnerstag, 5. Februar 2009

Apologie des Bürgertums

Manchmal fühlt man sich wie ein Insekt, das dem Licht entgegenfliegt und immer bei den leuchtensten Buchcovern herumflattert. Peter Gays kleine Kulturgeschichte trägt mitten auf einem Mondrianbild den strahlenden Titel "Die Moderne", das klingt beinahe wie das Sonnenlicht selbst.


Eine Reise durch die klassischen Moderne, so etwa von 1840 bis 1960, durch Kunst und Literatur, Theater und Architektur, dabei sichtlich bemüht einen roten Faden beisammen zu halten. Immer wieder betont Gay, die Absorbtionsfähigkeit des Bürgertum, das auch die noch so avantgardistischen Werke für sich selbst zu reklamieren versteht. Alles eine Frage der Zeit. Der wahre Revolutionär bleibt der Bourgois. Das ist auch gar nicht zu beklagen, das ist am Ende seine Größe.

Sonntag, 2. November 2008

Spiel mit der Sprache

Gestern Wittgensteins Spätwerk, seine sogenannten "Philosophischen Untersuchungen" hinter mir gelassen. Viele halten diesen Mr Linguistic Turn tatsächlich für einen Philosophen, aber wer einerseits behauptet, alle Probleme sind Probleme der Sprache und andererseits glaubt, dass dabei die Fragen des Lebens noch nicht einmal berührt werden, hat natürlich ein Problem ganz eigener Natur. Statt der Fliege den Weg aus dem Fliegenglas zu zeigen, scheint es letztlich darum zu gehen, dem Moskito aus der Urzeit zu erklären, dass er für ewig eingeschlossen bleibt in seinem Bernstein. Das ist eloquenter Skeptizismus.


Die Theorie des Sprachspiels mag durchaus Substanz haben, die Bedeutung der Sprache ist lediglich der Gebrauch der Sprache, aber als philosophischer Standpunkt bleiben diese teilweise recht verworrenen Aphorismen etwas schwach, "Philosophische Spiele" wäre vielleicht ein passenderer Titel gewesen. Im Übrigen sollte die Sprache als Instrument und nichthintergehbares Medium durchaus reflektiert und bereinigt werden, aber eine Brille sollte man nicht nur putzen, sondern auch mal durchschauen.

Dienstag, 29. Juli 2008

Die Logik des Mythos

Euripides im alten Griechenland besucht. Seine "Medea" ist wohl nicht mehr die mythologischen "Große Mutter" bzw. "Große Göttin", die sie es noch zu Homers Zeiten war. Aus der weisen Frau mit kultisch-ritueller Bedeutung, ist eine rachsüchtige Giftmischerin geworden, die nicht davor zurückschreckt, ihre eigenen Kinder umzubringen.


Die "Arbeit am Mythos" (Hans Blumenberg) ist ja bis heute nicht zu Ende, noch immer schreiben Autoren der Gegenwart über Medea, wie etwa Christa Wolf. Das ist vielleicht das schöne an solcherart Literatur, die Geschichten werden immerzu umgeschrieben und weitererzählt.

Montag, 21. Juli 2008

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Mittwoch, 9. Juli 2008

Römische Elegien: Die Fünfte

Froh empfind ich mich nun auf klassischem Boden begeistert,
Vor- und Mitwelt spricht lauter und reizender mir.
Hier befolg ich den Rat, durchblättre die Werke der Alten
Mit geschäftiger Hand, täglich mit neuem Genuß.
Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders beschäftigt;
Werd ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt beglückt.
Und belehr ich mich nicht, indem ich des lieblichen Busens
Formen spähe, die Hand leite die Hüften hinab?
Dann versteh ich den Marmor erst recht: ich denk und vergleiche,
Sehe mit fühlendem Aug, fühle mit sehender Hand.
Raubt die Liebste denn gleich mir einige Stunden des Tages,
Gibt sie Stunden der Nacht mir zur Entschädigung hin.
Wird doch nicht immer geküßt, es wird vernünftig gesprochen,
Überfällt sie der Schlaf, lieg ich und denke mir viel.
Oftmals hab ich auch schon in ihren Armen gedichtet
Und des Hexameters Maß leise mit fingernder Hand
Ihr auf den Rücken gezählt. Sie atmet in lieblichem Schlummer,
Und es durchglühet ihr Hauch mir bis ins Tiefste die Brust.
Amor schüret die Lamp' indes und gedenket der Zeiten,
Da er den nämlichen Dienst seinen Triumvirn getan.

Donnerstag, 3. Juli 2008

Die tiefe Langeweile

Die vielleicht schönste Einführung in das Philosophieren ist Martin Heideggers 'heimliches Hauptwerk' (Safranski): "Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlicheit - Einsamkeit". Diese Vorlesungen aus den Jahren 1929/1930, also nach "Sein und Zeit", setzen beim Ursprung des philosophischen Denkens ein, der gar kein Denken ist, sondern eine Stimmung, eine Ergriffenheit, zu der der Einzelne erwachen muß, wenn er wirklich Philosophieren will. So ist das eben für Existenzialisten: Man philosophiert nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Leben.


Um zu einer solchen Stimmung zu gelagen, muß der Mensch sich selbst durch sein 'inbegriffliches Fragen' in Frage stellen. Ein Weg führt dabei über die Langeweile, die Heidegger [Bild] in über hundert Seiten in drei Grundformen analysiert und dabei seinem Gegenstand in performativer Widersprüchlichkeit gerecht wird. Die tiefe Langeweile ist eigentlich ein Abgrund.

Dienstag, 1. Juli 2008

Klopstock: Die deutsche Bibel (1784)

Heiliger Luther, bitte für die Armen,
Denen Geistes Beruf nicht scholl, und die doch
Nachdolmetschen, daß sie zur Selbsterkentniß
Endlich genesen!

Weder die Sitte, noch der Sprache Weise
Kennen sie, und es ist der reinen Keuschheit
Ihnen Märchen! was sich erhebt, was Kraft hat,
Edleres, Thorheit!

Dunkel auf immer ihnen jener Gipfel,
Den du muthig erstiegst, und dort des Vater-
Landes Sprache bildetest, zu der Engel
Sprach', und der Menschen.

Zeiten entflohn: allein die umgeschafne
Blieb; und diese Gestalt wird nie sich wandeln!
Lächeln wird, wie wir, sie dereinst der Enkel,
Ernst sie, wie wir, sehn.

Heiliger Luther, bitte für die Armen,
Daß ihr stammelnd Gered' ihr Ohr vernehme,
Und sie dastehn, Thränen der Reu im Blick, die
Hand auf dem Munde!