Montag, 30. Juni 2008

Genies unter sich

Wieder mit Goethe unterwegs. Die Begegnung mit Herder [Bild]. Der Geniekult bricht los und übernimmt nicht nur für Goethe, sondern auch für die folgende Geistesgeschichte eine ausnehmende Rolle. Noch für die Epoche der Romantik wird Herder als Ahnherr gehandelt, wie zuletzt in Rüdiger Safranskis vorzüglicher Monographie "Romantik. Eine deutsche Affäre".


Mittwoch, 25. Juni 2008

Mit den eigenen Waffen

Der große Kritiker der Postmoderne schreibt einen postmodernen Roman, der durch die strenge Einlösung einer postmodernen Poetik, insbesondere durch die Verweigerung einer literarischen Schmucksprache und durch die obligate Selbstreflexivität, zugleich eine wunderbare Parodie des postmodernen Romans geworden ist.

Einige Kritiker attestieren Ken Wilber [Bild] literarische Talentlosigkeit und in der Tat glänzt der Stil durch Imitation und Überbietung eines "schlechten Stils". Die Parodie "Boomeritis" ist auf eine sehr unterhaltsame und intelligente Weise gelungen, ob Wilber als Literat tatsächlich Talent besitzt, muss allerdings offen bleiben. Es läßt sich hier in beide Richtungen argumentieren: Nein, denn er hat einen schlechten Stil, oder: Ja, denn er beherrscht den schlechten Stil wie kein anderer. Wilber selbst bemerkt dazu lapidar: "Wir werden es wohl nie erfahren".

Dienstag, 24. Juni 2008

Die Fünf-Sterne-Liste

Romane:
  • Rafael Yglesias "Doktor Nerudas Therapie gegen das Böse"
  • Umberto Eco "Das Foucaultsche Pendel"
  • Rainald Goetz "Abfall für Alle"
Biographien:
  • Reiner Stach "Kafka. Die Jahre der Entscheidung"
  • Rüdiger Safranski "Nietzsche. Biographie seines Denkens"
  • Manfred Kühn "Kant. Eine Biographie"
Sachbücher:
  • Rüdiger Safranski "Romantik. Eine deutsche Affäre"
  • Ken Wilber "Eros, Kosmos, Logos"
  • Peter Watson "Das Lächeln der Medusa"

Montag, 23. Juni 2008

Lost in Literature

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Kartographie des Wissens

In der Geschichte wurde ja immer wieder einmal der Versuch unternommen, das gesamte Wissen der Menschheit - zumindest das in Büchern niedergeschriebene - zu sammeln und in seiner Essenz darzustellen. Selbst nachdem man sich am Ende des 19. Jahrhunderts vom Typus des Universalgelehrten und von den Systemphilosophien abgewendet hat, gibt es heute im 21. Jahrhundert noch immer derartige Versuche. Der Amerikaner Ken Wilber ist auf diesem Gebiet wohl die herausragenste Figur unserer Tage. In seinen Werken "Das Spektrum des Bewußtseins"(1977), "Eros, Kosmos, Logs" (1995), "Integrale Psychologie" (2000) oder "Integrale Spiritualität" (2006) entwirft Wilber eine Art Landkarte des menschlichen Wissens und erreicht trotz der Berücksichtigung eines Methodenpluralismus' ein zusammenhängendes Bild. Eine typische Große Erzählung, wie sie seit der Postmoderne verschrieen ist.


Hinzu kommt, daß Wilber nicht nur die westliche Wissenschaft, sondern auch die östlichen Weisheitslehren - etwa den Buddhismus, Daoismus oder Hinduismus - in seine Landkarte integriert und damit auf pauschale Kritik oder Ignoranz stößt. In Europa wird Wilber nur in New Age-Kreisen rezipiert, die widerum auf seine polemischen Kritiken an ihrer oftmals seichten Esoterik nicht gerade begeistert reagieren. Wilber wird vielleicht erst noch entdeckt werden.

Sonntag, 22. Juni 2008

Hölderlin: An die jungen Dichter (1826)

Liebe Brüder! es reift unsere Kunst vielleicht
Da, wie ein Jüngling, sie lange genug gegärt,
Bald zur Stille der Schönheit;
Seid nur fromm, wie der Grieche war!

Liebt die Götter und denkt freundlich der Sterblichen!
Haßt den Rausch, wie den Frost! lehrt und beschreibt nichts!
Wenn der Meister euch ängstigt,
Fragt die große Natur um Rat.


Freitag, 20. Juni 2008

Schreiben über das Schreiben

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Montag, 16. Juni 2008

Das Wesen der Philosophie

Ahh! Solche tiefschürfenden Titel, wie dieser hier von Wilhelm Dilthey [Bild], gab es nur im gelehrten 19., allenfalls am Anfang des 20. Jahrhunderts. "Das Wesen der Philosophie" (1924) grenzt Dilthey ab von der Kunst und der Literatur und selbst von der Wissenschaft. Es sind herrliche Zitate zu finden und für einen Hermeneutiker geht es hier doch reichlich systematisch zu. Schön jedenfalls, daß auch der Literatur ihr eigenes Wesen zugestanden wird ...

Freitag, 13. Juni 2008

Nietzsche: An Goethe (1882)

Das Unvergängliche
Ist nur dein Gleichniss!
Gott der Verfängliche
Ist Dichter-Erschleichniss ...

Welt-Rad, das rollende,
Streift Ziel auf Ziel:
Noth – nennt’s der Grollende,
Der Narr nennt’s – Spiel ...

Welt-Spiel, das herrische,
Mischt Sein und Schein: –
Das Ewig-Närrische
Mischt uns – hinein!...



Mittwoch, 11. Juni 2008

Der alte Mann und das Mädchen

Vor einigen Tagen Martin Walsers "Ein liebender Mann" (2008) ausgelesen. Ein Goethe-Roman. Erstaunlich unterhaltsames Buch mit lakonischen Weisheiten und einer um Klassizität bemühten Sprache, die in dieser Geschichte durchaus am Platze ist. Es gibt wohl nicht mehr viele gute Gründe, ein weiteres Buch über Goethe zu veröffentlichen, aber einem der wenigen verdankt sich dieses Buch: Mimesis.


Der 74jährige Goethe verliebt sich in die 19 Jahre alte Ulrike von Levetzow [Bild], soviel zum historischen Ausgangspunkt. Die Charakterisierung des jungen Mädchens scheint dagegen literarisch etwas überhöht geraten zu sein, ein solches frühreifes und eloquentes Frauenzimmer, wie Walser es vorstellt, ist doch eher das Produkt eines kühnen Nachahmers unseres Klassikers, der am Ende das Ideal in der Literatur erschaffen will, weil es im Leben nicht zu haben ist. Das Thema Alte Männer und Junge Frauen ist ja durchaus präsent in den letzten Jahren - man denke etwa an Philip Roths thematische Redundanz - und tatsächlich scheint der Roman ein geeignetes Medium zu sein, um das, was nicht sein darf, dennoch sein zu lassen.

Dienstag, 10. Juni 2008

Bibliothek bei Nacht

Es gibt bekanntlich ein paar Klischees über Bibliotheken, insbesondere über die Unscheinbarkeit ihrer Angestellten. Alberto Manguel - der ehemalige Vorleser des erblindeten Jorges Luis Borges [Bild] -, der mit seiner "Geschichte des Lesens" (1998) längst berühmt geworden ist, hat auch eine ausgesprochen lesbare Geschichte der Bibliothek geschrieben, wobei Geschichte bei Manguel niemals chronologisch zu verstehen, sondern eher autobiographisch - als Zeugnis eines Enthusiasten. Statt dem Klischee der Unscheinbarkeit wird hier gewissermaßen die Erotik der Bibliothek besungen, leise und melancholisch und mitunter mit einem Pathos für das es Nacht sein muß.

In "Die Bibliothek bei Nacht" (2006) findet sich auch jene labyrinthische Logik des Hypertextes, die Manguel so formuliert:
Manchmal träume ich von einer gänzlich namenlosen Bibliothek, in der die Bücher weder Titel noch Autor kennen, sondern zu einem kontinuierlichen Erzählstrom verschmelzen, in dem alle Genres, alle Stilrichtungen und alle Geschichten einfließen und wo alle Protagonisten und Orte unbenannt sind, ein Strom, in dem ich an jedem beliebigen Punkt eintauchen kann.